Frau Aussteiger - oder: was, wenn man das Leben auf den Kopf stellt

Bedeutet es wirklich absolute Freiheit sein Leben auf den Kopf zu stellen? Oder ist das nur unsere romantische Vorstellung? Wir haben bei einer tollen Frau nachgefragt, die alles gewagt hat... Annemarie hat alles auf eine Karte gesetzt. Sie hat ihren Mann verlassen, den Job gekündigt, das schöne Haus verkauft, ist auf Weltreise gegangen und hat den Beruf gewechselt... Sie ist heute eine andere Frau.

Warum sie den Stein ins rollen gebracht und was das für Sie bedeutet hat, erzählt Sie uns einem ganz schönen und ehrlichen Interview... Lasst Euch inspirieren von den sehr ehrlichen Worten einer beeindruckenden Frau.

Annemarie Singer, unser Kopfstandprofi

Annemarie, Du hast in Rekordzeit Dein ganzes Leben auf den Kopf gestellt – vom klassisch-konservativen Hausmütterchen zur selbstbestimmten Frau, die ihrer inneren Stimme folgt und Träume lebt. Dennoch: Würdest Du den Schritt wieder tun?

Ohne nachzudenken, aus dem Bauch heraus: ja. Und dann doch noch einmal kurz nachdenken und in mich gehen: Ja, definitiv, auch wenn sich zwischenzeitlich mein Bild in Bezug auf Träume und Freiheit vollkommen verändert hat.

Aber mal ehrlich, wie schwer ist es, das eigene Leben einmal in den Kopfstand zu stellen? In der Vorstellung klingt das romantischer als es ist, oder?

Vieles ist aus einer sehr romantischen Idee von Abenteuer und Lebenslust heraus entstanden. Gepaart mit einer großen Unzufriedenheit, ergab das eine ziemlich zündende Mischung, die nicht mehr zu bremsen war. Eines ergab das andere und im Rückblick bin ich froh, dass ich mir die Folgen meines Handelns in ihrer ganzen Konsequenz nicht einmal ansatzweise ausmalen hätte können. So manche Entscheidung wäre mir sicherlich nicht so leicht gefallen. Andererseits haben aber auch die schönen Erlebnisse und Entwicklungen meine Vorstellungen um ein zigfaches übertroffen.

Was waren für Dich die größten Hürden? Und wie konntest Du sie nehmen?

Die größte Hürde war ich selbst. Viele festgefahrene Sichtweisen und alte Geschichten und Bilder im Kopf, wie etwas zu sein hat und auch wie ich zu sein habe. Ich dachte sehr lange, ich müsste mich entscheiden zwischen „entweder - oder“ und es dauerte eine Weile bis ich erkannte, dass ich sowohl - als auch haben kann. Ich musste es mir nur erlauben. Man sagt so leicht, wir selbst haben die Wahl und wir leben das Leben, für das wir uns entscheiden. Doch tatsächlich die Verantwortung für das eigene Leben in die Hand zu nehmen, musste ich erst lernen. Wenn dir bewusst wird, dass keine äußeren Umstände mehr als Ausrede zur Verfügungen stehen, die ungerechten Menschen und die böse Gesellschaft als Schuldige für alles Schlechte wegfallen, dann kann man nicht mehr umkehren. Der Weg ist vielleicht etwas steiniger, aber sehr viel befriedigender.

Trennst Du im Kopf Deine „beiden“ Leben?

Das habe ich sehr lange getan. Mein Reiseblog trägt ja den Namen „Frau Aussteiger“ Der Name kommt nicht von ungefähr, ich wollte etwas hinter mir lassen. Wie ich auch eben schon sagte: ich dachte, ich dürfe nur eines haben, entweder konservative Sicherheit oder das wilde, frei Leben, alternative Hippie-Braut oder schicke Stadt-Tussi, am Strand schlafen oder 5-Sterne- Hotel. Dass ich das alles mögen und leben darf, bedeutet Freiheit für mich.

Und es macht das Leben so viel reicher.

Welche Rolle spielen die Themen „Zeit“ und Bewusstheit in Deinem Leben? Spürst Du einen Unterschied zu früher?

Früher war meine Zeit von der Uhr bestimmt, 6:30 Uhr Aufstehen, 8:00 Uhr Büro, 13:00 Uhr Mittagessen, 18:00 Uhr Yoga, 20:00 Uhr Abendschau, am Wochenende auf den Berg und Freunde treffen. Als ich dann meinen Job gekündigt hatte, genoss ich erstmal den Luxus des mich Treibenlassens. Nach vier Wochen kam der Frust. Mir fehlte die Struktur. Nochmal vier Wochen später musste ich mir echt einen Stundenplan schreiben, damit ich nicht abends um fünf noch im Schlafanzug rumsaß. Es fiel mir sogar schwer, die Dinge zu tun, die ich früher so gerne gemacht habe. Plötzlich hatte ich fast unbegrenzt Zeit, aber ich konnte sie nicht mehr füllen. Es war ein Lernprozess das richtige Maß zwischen Arbeit und Freizeit zu finden.

Was ich jedoch sehr zu schätzen weiß, ist jeden Morgen dann aufzuwachen, wenn mein Körper bereit dazu ist und nicht weil ein Wecker klingelt.

Zum Thema „Bewusstsein“ weiß ich gar nicht, wo ich anfange, zu erzählen. Vielleicht beschreibt eine Yogastunde ganz gut, was sich verändert hat. Ich habe immer sehr gerne die Übungen auf der Matte gemacht. Nach einem Arbeitstag war die Kombination von Bewegung und Ruhe einfach klasse. Doch wenn ich ehrlich bin, gingen mir dabei tausende Gedanken durch den Kopf. Genauso habe ich mein Leben gelebt. Meine Aufgaben erfüllt und dabei eben an vieles anderes gedacht. Heute gebe ich den Dingen meinen eigenen Wert, bin mir meiner Motivationen und Bedürfnisse sehr viel mehr bewusst. Früher machte ich Yoga, heute versuche ich, vieles davon zu leben. Ein bewusstes Leben braucht Zeit, das kann man nicht kaufen und konsumieren, das muss man auch wirklich wollen, weil es Licht und Schatten beinhaltet und es das eine nicht ohne das andere gibt.

Woher hast Du den Mut und die Kraft genommen?

Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Mein Schicksal, meine Lebensaufgabe. Es gibt die Geschichte vom Daimon, der uns in unterschiedlichster Form begegnet und uns erinnern möchte, warum wir hier auf der Erde sind. Vielleicht bin ich soweit von meinem Weg abgekommen, dass er mich umso kräftiger gezogen und getreten hat, bis ich endlich losmarschiert bin.

Gibt es vielleicht dennoch etwas, dass Du gern ungeschehen machen würdest?

Da muss ich einen Moment darüber nachdenken, aber nein, es fällt mir nichts ein.

Welchen Rat möchtest Du denen geben, die nicht wissen, ob Sie etwas wagen sollen?

Folge deiner Freude. Manchmal wollen wir etwas aus den falschen Beweggründen heraus. Erzähle jemanden von deinen Plänen und beobachte dich selbst, ob deine Augen anfangen zu leuchten, deine Stimme Kraft hat und dein Herz dabei anfängt zu lachen. Habe Geduld, aber verliere deine Träume nicht aus den Augen. Es gibt für alles einen richtigen Zeitpunkt und wenn der gekommen ist, dann fügen sich die Dinge zu einem großen Ganzen und du weißt einfach, dass es jetzt Zeit ist zu springen, weil es sich einfach trotz aller Zweifel und Angst so richtig anfühlt.

Man kann mutig sein, auch mit kleinen Schritten üben, zum Beispiel auf der Malwand oder indem man einfach mal weggeht von der üblichen Routine. Wer viel Yoga macht, könnte mal eine Schnupperstunde Thai Boxen machen, wer ständig in Aktion ist, sich zu Hause mal für eine Stunde nur aufs Sofa setzen und nichts tun. Keine Musik, keine Kerze, nur du. Nur sitzen und beobachten.

Annemaries Buch "Kopfstand"

Ein großer Teil Deines Buches handelt von Deiner Reise um die Welt. Was hast Du in diesem Jahr gelernt?

Wo meine Grenzen sind.

Gabs auch Heimweh?

Kein Heimweh nach einem Ort, aber nach vertrauten Menschen und Dingen und meinem eigenen Bett.

Und uns interessiert natürlich Dein Lieblings-Ort!

Ohje, die Qual der Wahl. Ich habe so viele wunderschöne Orte gesehen, doch wenn ich mich für einen entscheiden muss, dann für den, der vielleicht nichtmal der schönste ist, aber an dem ich einfach so glückliche Momente erlebte: Jersey, auf dem Küstenweg von St. Aubin nach St. Brelade’s Bay, an dem Punkt, von dem aus man das erste Mal auf die Bay hinunterschauen kann.

Gibt es Dinge, die Dir unterwegs begegnet sind, die Du aber nicht erwartet hättest?

Ohja! Sehr viele! Aber was mir spontan einfällt, dass ich meinen Aufenthalt in Buenos Aires gecancelt habe, um in Spanien als Pilgerin unterwegs zu sein. Ich bin heute noch verwundert, dass ich es tatsächlich getan habe. Dass mich auf Hawaii der totale Blues überkommen hat. Dass der Ashram der unspirituellste Ort meiner ganzen Reise war. Dass ein indischer Friseursalon meinen Wettbewerb „Bester Friseur der Welt“ gewinnt!

Welche Rolle hat diese Reise bei Deiner ganz persönlichen Entwicklung gespielt?

Es war eine Schwellenzeit. Das „alte Leben“ gab es nicht mehr und ein neues hatte noch nicht begonnen. Ich habe in dieser Zeit einfach sehr viel über mich selbst gelernt.

Hast Du ein Lebens-Mantra? Ein Motto?

Geh deinen eigenen Weg, nur der wird dich glücklich machen.

Und jetzt erzähle uns noch von Deinen vielen Projekten, die Du hast!

Es gibt zwei Printprodukte, die im Laufe der letzten zwei Jahre entstanden sind: Brandneu und druckfrisch mein Roman „Kopfstand wenn du keinen Boden mehr unter den Füßen spürst“ Die Geschichte einer Reisenden, in fremde Länder, andere Welten, aber vor allem zu sich selbst. Ich werde dazu Lesungen halten und meine Erfahrungen mit interessierten Menschen teilen.

Kartensets, bestehend aus 40 Karten + Booklet mit Inspirationen und Lebensweisheiten, die heimische Pflanzen und Kräuter für uns bereit halten. Ich liebe Tarot- und Orakelkarten und es wird ein neues Set geben mit meinen eigenen Bildern und Affirmationen, die während des Malprozesses entstanden sind.

Ausdrucksmalen, eine therapeutische Form des Malens, über die wir lernen unsere innere Stimme zu hören und ihr Ausdruck zu verleihen. Es ist ein wunderbares Mittel sich selbst, die eigenen Bedürfnisse und unbewussten Verhaltensmuster kennen zu lernen. Sehr oft kommen dabei unterdrückte Gefühle zum Vorschein und werden auf der Malwand sichtbar gemacht. Erst das tatsächliche Spüren und Erleben der inneren Blockaden und Widerstände ermöglicht eine dauerhafte Veränderung.

Zudem wird Anfang 2018 ein 4-Wochen Online-Kurs mit dem Titel: „Lerne es auf deine Art zu tun“ entstehen. Ich stelle dabei viele verschiedene Mittel und Wege vor, mehr Kreativität ins Leben zu holen. Kreativität ist nicht nur etwas für Künstler und Bastelfreaks, sondern sie bereichert dein Leben auf allen Ebenen.

Und zu guter Letzt noch meine ganz spezielle Liebe zu Ritualen. Dabei feiere ich zum einen die acht Feste nach dem keltischen Jahreskalender. Es geht mir dabei darum, die Energie der Jahreszeit bewusst wahrzunehmen, vom Rhythmus der Natur zu lernen und in einem Ritual einen Ankerpunkt zu setzen, an dem wir uns im Alltag orientieren können. Zum anderen verschafft ein Ritual Gastgebern und Gästen jeder Feier, egal ob Firmenjubiläum, Geburtstag oder Silberhochzeit erst ein echtes Bewusstsein für den wirklichen Grund des Festes.

Wie kann man mit Dir arbeiten?

Zu allen Projekten gibt es mehr Info in Bezug auf Inhalt, Termine und Anmeldung auf meiner Internetseite www.treffpunkthollerbusch.de oder natürlich auch per Email: info@treffpunkthollerbusch.de

Danke, liebe Annemarie für das tolle Interview!